Eine kurze Metaphysik des Motorradfahrens


Freiheit auf Rädern oder „Eine kurze Metaphysik des Motorradfahrens“

Im Forum (www.boxer-forum.de) hab ich heute folgenden Artikel gefunden und nach dem Lesen gedacht, das ist doch was für die Allgemeinheit der Motorradfahrer. Ich hoffe der Author hat nichts dagegen, ich Linke hier seine WEB-Seite und eine Kurzversion des Forum Eintrags. Ich find‘ den Beitrag Klasse.

Viel Spass beim Lesen
TJ

#177592, „Eine kurze Metaphysik des Motorradfahrens“

Draußen fällt der Schnee in dicken Flocken aus einem grauen Himmel, bleibt auf den Straßen liegen. Selbst für einen „Winterfahrer“ wie mich kein Wetter, um auf Tour zu gehen. Da bleibt etwas Zeit, um einige Gedanken zu notieren, die gestern Abend bis spät in die Nacht in meinem Kopf langsam Gestalt annahmen, während ich versonnen in das glimmende Feuer im Kaminofen schaute…

Angeregt wurden diese Gedanken, als ich von der gestrigen Kurztour zurückkehrte und meiner Frau gegenüber eine Bemerkung darüber machte, wie kalt mir war, während ich das Feuer im Ofen entzündete. Als Antwort kam (für mich nicht überraschend) nur der lapidare Spruch, dass ich ja freiwillig bei diesem Wetter mit dem Krad losgefahren sei und es deshalb wohl nicht besser verdient habe. Ja, warum, so die unausgesprochene Frage, kommt jemand auf die Idee, bei Minus 6 Grad zu einer Vergnügungstour auf dem Motorrad zu starten? Warum kann Motorradfahren weit über die Befriedigung von Mobilitätsbedürfnissen hinaus zu einer derart mächtigen Leidenschaft werden, dass einen Außenstehende nur noch für verrückt halten?

Vor mehr als zehn Jahren habe ich schon einmal versucht, die Beweggründe für meine Leidenschaft in Worte zu fassen („http://www.kradventure.de/essay.htm“), aber auch wenn vieles davon mir auch heute noch stimmig erscheint (von manchen Formulierungen im Detail einmal abgesehen), liefert der Text keine wirklich befriedigende Erklärung. Ich will es also noch einmal versuchen.

Welche Erklärungsansätze kann man systematisch unterscheiden? Und sind sie hinreichend?

Da wäre zunächst ein Ansatz, den ich als „naturwissenschaftlich-evolutorisch“ bezeichnen möchte: Motorradfahren und das damit verbundene Erleben von Geschwindigkeit, Beschleunigung und Gefahr setzt im Körper bestimmte Botenstoffe frei (Adrenalin, Endorphine), die wiederum ein Glücksgefühl hervorrufen (können). Der Grund für diese körperlich-biochemische Reaktion, so könnte man sehr stark vereinfachend sagen, ist unser evolutorisches Erbe: Adrenalinausschüttung erhöht die körperliche Leistungsfähigkeit, um in Gefahrensituationen die Überlebenschancen zu erhöhen, Endorphine belohnen uns nach überstandener Gefahr, damit wir auch am nächsten Tag wieder bereitwillig auf die Jagd gehen und uns von ein paar Säbelzahntigern nicht davon abhalten lassen.

Diese „Biochemie“ wirkt allerdings auch bei anderen „Risikosportarten“, ob Free-Climbing, Fallschirmspringen oder Tiefseetauchen. Deshalb erklärt der „naturwissenschaftlich-evolutorische“ Ansatz keineswegs, warum jemand ausgerechnet im Motorradfahren seine Leidenschaft entdeckt. Diese Aktivität müsste problemlos austauschbar sein mit allen anderen Aktivitäten, die zur Endorphinausschüttung führen. Zwar mag für manche diese Substituierbareit durchaus gegeben sein, doch sind das eher die „Hobbyfahrer“, die sich im Sommer auf der Nordschleife, im Winter auf der Streif ihren „Kick“ holen. Für den wirklich passionierten Motorradfahrer, den ich im Sinn habe, kommt dagegen nur Motorradfahren in Frage, um ein wirkliches Glücksgefühl zu erleben.

Vielleicht wird dies besser durch einen anderen Ansatz erklärt, den ich den „psychologischen“ nennen möchte. Aus der psychologischen Glücks- und Konsumforschung weiß man mittlerweile recht gut, warum reiner Konsum nicht (bzw. allenfalls sehr kurzfristig) glücklich macht: kurz gesagt, weil die „Belohnung“ zu einfach erlangt wird und zu schnell eine Sättigung eintritt. Im Gegensatz dazu führen Tätigkeiten, die erst über einen Umweg zur Befriedugung von Bedürfnissen führen (sog. „Umwegsbefriedigung“), zu intensiveren und länger anhaltenden Glücksmomenten. Solche Tätigkeiten zeichnen sich dadurch aus, dass man zunächst Investitionen tätigen muss. So erfordert etwa das Erlernen eines Musikinstrumentes zunächst reichlich Mühen und unzählige Stunden fleißiger Übung, doch ist selbst gespielte Musik sehr viel befriedigender als das Anhören einer Musikkonserve. Motorradfahren kann man durchaus damit vergleichen: Ein Motorrad wirklich „virtuos“ zu bewegen, erfordert ebenfalls lange Jahre Übung, eine wirklich sauber gefahrene Linie auf der Hausstrecke oder am Ring oder eine gemeisterte schwierige Piste im Gelände beschert dafür aber auch eine weit größere Befriedigung als der „High-Score“ in einem Motorrad-Computerspiel.

Mit diesem Ansatz könnte man jetzt zwar erklären, warum Motorradfahren z.B. einem Bungee-Sprung vorgezogen wird (trotz möglicherweise ähnlicher biochemischer Prozesse), allerdings noch nicht den Vorrang von Motorradfahren gegenüber z.B. Free-Climbing, das wohl ebenfalls einiges an Übung erfordern dürfte, bis man schwierige Passagen bewältigen kann. Damit komme ich zum dritten Ansatz, dem eigentlichen Thema: Einem metaphysischen.

Vor kurzem habe ich ja hier den Link zu ein paar Bildern von Robert M. Pirsigs Motorradtour geposted, die die Rahmenhandlung für sein Buch „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ bildet. Großen Raum in diesem Buch nimmt der (metaphysische) Versuch ein, über den Begriff der „Qualität“ den in der westlichen Welt tief verwurzelten Subjekt-Objekt-Dualismus zu überwinden. Als Beispiel dient die Motorradwartung, wie der Titel ja verrät. Was mich immer gewundert hat: Dass Pirsig anscheinend (obwohl es in manchen Stellen anklingt) nie wirklich das Motorrad_Fahren_ als Beispiel heranzog. Denn gerade beim Motorradfahren (meiner Meinung nach viel direkter und intensiver als bei der Motorradwartung) verschmelzen Subjekt und Objekt zu einem Ganzen: Der Fahrer wird eins mit der Maschine, letztere wird zu einem verlängerten Sinnesorgan des Fahrers, das z.B. Informationen über den Straßenzustand direkt empfinden lässt („Popometer“). (Das kann man in eher technisch-verhaltenspsychologischer Sprache so ähnlich z.B. auch bei Spiegel nachlesen). Aber mehr noch: Auch mit der Straße, der Landschaft daneben, dem Wind und den Düften, ja mit dem gesamten umgebenden Raum verschmilzt man beim Motorradfahren — und vergisst dabei zugleich die Zeit (oder, anders ausgedrückt: die Zeit bleibt stehen). Wann fühlt man sich mehr mit dem Universum verbunden, als auf einer kurvigen Landstraße, die man auf einer perfekten Linie entlangfährt? Wann lebt man mehr im Hier und Jetzt?

Damit ich aber jetzt nicht missverstanden werde: Das ist kein Plädoyer für einen wie auch immer gearteten metaphysischen Monismus. Ich halte es da ganz mit Pirsig, dass mich die Metaphysik nur interessiert, solange sie für den Alltag brauchbar ist, sonst kann sie auch mir „gestohlen bleiben“. Und den Alltag leben wir als Individuen, die zwar immer irgendwie Teil eines größeren Ganzen sind, aber doch mehr. Letztlich geht es eigentlich nur darum, dass Motorradfahren das eigene, individuelle Leben unendlich bereichern kann, dass eine gelebte Leidenschaft ein gutes, womöglich sogar notwendiges Mittel zu einem glücklichen, zu einem „guten Leben“ ist. Dafür kann man dann ruhig auch mal etwas frieren, oder von anderen für verrückt gehalten werden…

Achim
http://www.kradventure.de

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